Die Pathophysiognomik ist ein Konzept, das von dem italienischen Arzt Natale Ferronato entwickelt wurde. Es bezieht sich auf die Idee, dass man durch die Betrachtung von Gesichtszügen und Körperformen Rückschlüsse auf die körperliche und geistige Gesundheit einer Person ziehen kann.
Ferronato vertritt die Ansicht, dass unser Körper und unsere Gesichtszüge auf einer tieferen Ebene miteinander verbunden sind. Unsere körperliche Verfassung, unser emotionaler Zustand und unser geistiges Wohlbefinden spiegeln sich in unserem Aussehen wider. Durch die Untersuchung von Gesichtszügen wie der Stirn, Augen, Nase, Lippen und Ohren sowie der Körperform und -haltung können wir daher Rückschlüsse auf die Gesundheit einer Person ziehen.
Ferronatos Ansatz zeigt auf, wie eng unser Körper, Geist und unsere Emotionen miteinander verknüpft sind.
In der heutigen Zeit gibt es zahlreiche alternative Methoden zur Diagnose und Behandlung von Krankheiten, die sich auf die ganzheitliche Betrachtung des Menschen konzentrieren. Die Pathophysiognomik ist eine davon und kann unser Verständnis von Gesundheit und Wohlbefinden zu erweitern.
Geschichte der Pathophysiognomik
Die Kette der bekannt gewordenen Beobachter oder Forscher auf diesem Gebiet ist lang: Genannt seien einige Namen wie Cesare Lombroso, Johann Caspar Lavater, Ernst Kretschmer, Carl Huter und Joseph Gall. Diese und viele andere haben mit daran gearbeitet, eine umfangreiche Literatur zu Pathophysiognomik aufzubauen. Viele der entwickelten Thesen und Gedanken wurden nicht überprüft und gerieten in Vergessenheit, andere blieben Spekulationen und wurden verworfen. Ein Teil jedoch wurde bis in unsere Zeit gerettet. Bekannt sind die Phrenologie nach Franz Joseph Gall, die Typenlehre nach Erst Kretschmer oder die Psychophysiognomik nach Carl Huter.

Zu Beginn der pathophysiognomischen Forschung wurde nicht nur das Antlitz betrachtet, sondern alle Erscheinungsformen des Menschen (Typus, Form, Grösse, Bewegungsablauf usw.). Der Betrachtungsfokus war dadurch so weit gestellt, dass sich keine sicheren Ereignisse ableiten liessen. So wurden beispielsweise bei multimorbiden Geschehen die Aussagen so kompliziert und vielschichtig, dass darauf keine eindeutige Therapie aufgebaut werden konnte: Zwar waren die einzelnen Betrachtungen korrekt, ihre Zusammenschau jedoch nicht eindeutig interpretierbar.
55 Jahre sorgfältige, verantwortungsbewusste Forschung führten Natale Ferronato zu seiner Pathophysiognomik – ein System, welches in so klarer Form früher nicht verfügbar war.
Pathophysiognomik, ihre Möglichkeiten und Grenzen
Krankheit verändert die Ausdrucksformen. Die Gesichtshaut spiegelt die pathophysiologischen Vorgänge im Körper schon früh, bevor noch für den Kranken spürbare Symptome auftreten. Diese Erkenntnis liegt der Pathophysiognomik zugrunde. Die Lehre von der Pathophysiognomik als Inbegriff aller Erscheinungsformen eines lebenden Individuums besteht seit Menschengedenken. Von jeher haben Tiere und Menschen durch ihre äussere Körperform Angst, Sympathie, Angriffsbereitschaft oder Gleichgültigkeit angezeigt. Von jeher hat sich Aussergewöhnliches von der Norm unterschieden. Von jeher haben Menschen herauszufinden versucht, warum die äussere Erscheinung eines Menschen im Ganzen oder in Teilen von der Norm abwich. Aus genauer Beobachtung entstanden Erkenntnisse, anhand derer versucht wurde, von nicht konformen Erscheinungen des Äusseren Rückschlüsse auf die Gesundheit und das Verhalten zu ziehen.
Möglichkeiten der Pathophysiognomik
Ein Therapeut, der diese „empfindende Sichtwissenschaft“ erarbeitet und Kenntnisse von krankhaften Veränderungen der Körperchemie erworben hat, kann mit Hilfe der Pathophysiognomik schlüssige Verdachtsdiagnosen erstellen, und zwar bereits hinsichtlich eines latenten Krankheitsgeschehens. Selbstverständlich müssen diese Verdachtsdiagnosen durch eine ausführliche Anamnese weiter verifiziert werden. Dagegen können schulmedizinische Diagnosemethoden nur bereits manifest gewordene Krankheiten nachweisen – die Pathophysiognomik ermöglicht neben dem Erkennen bestehender Krankheiten auch die Prävention durch ihr vorausschauendes Erkennen.
Eine weitere direkte Anwendungsmöglichkeit der Pathophysiognomik liegt in der Erfolgskontrolle einer Therapie. Wurde diese gut gewählt, verändern sich die ehemaligen pathophysiognomischen Zeichen zur Norm hin. Bei einer ungünstigen Therapie verschlechtern sich die Zeichen.
Grenzen der Pathophysiognomik
Die Möglichkeiten der Pathophysiognomik sind breit gefächert angelegt, doch sie hat auch Grenzen. Einen Teil seiner Geheimnisse behält der Körper nach wie vor für sich. So sind beispielsweise Erb- und Impfschäden oft schwer erkennbar; auch im Rahmen von Krebserkrankungen ist zwar die komplexe Stoffwechselstörung deutlich, die genaue Organerkrankung jedoch nicht immer lokalisierbar.
Betrachtung der Gesichtshaut

Während die Psychophysiognomik nach Carl Huter den gesamten Menschen in Betracht zieht (Gesicht- und Körperausdruck, Statur, Haltung), wendet sich die Pathophysiognomik von Ferronato in erster Linie der Betrachtung der Gesichtshaut zu. Hier ist eine Vielfalt an Ausdrucksweisen des körperlichen und seelischen Wohlbefindens erkennbar wie an keiner anderen Stelle des Körpers.
Die Pathophysiognomik hat die Gesichtshaut in Ausdruckszonen aufgeteilt. An diesen Gesichtsausdruckszonen liest der geschulte Pathophysiognom kleinste Veränderungen ab, die schon früh eine sich körperlich entwickelnde, noch latente oder bereits manifeste Krankheit anzeigen.
Verursacht werden diese Veränderungen in den Ausdruckszonen durch Stoffwechselveränderungen im Körper. Die einzelnen Stoffwechselvorgänge sind im Körper aufeinander abgestimmt und miteinander verknüpft. Jede Krankheit löst somit eine Kaskade an Stoffwechselveränderungen aus, die nahezu alle Organe betrifft und sich beispielsweise in veränderter Farbschattierung oder Hautstruktur eines oder mehrerer Gesichtsausdrucksareale zeigt.